Beitrag vom 18.02.2026, von Anja Beckmann
Wer an skandinavisches Design denkt, hat oft das Bild von hellem Holz, zurückhaltenden Cremetönen und einer fast schon meditativen Ruhe im Kopf. Und dann ist da Verner Panton. Er ist die leuchtende, kurvige und herrlich unangepasste Ausnahme dieser Regel.
2026 feiern wir Verner Pantons 100. Geburtstag. Doch während andere Designklassiker aus dieser Ära oft wie museale Relikte wirken, fühlen sich Pantons Entwürfe an, als kämen sie direkt aus der Zukunft. Warum ist das so? Warum greifen wir in einer Welt voller Smart-Homes und Minimalismus wieder nach dem Panton Chair oder der Panthella?
Wer ist Verner Panton? Der dänische Architekt und Designer Verner Panton (1926 - 1998) war kein Freund von Kompromissen. Während seine Zeitgenossen wie Arne Jacobsen noch an der Perfektionierung des Schichtholzes arbeiteten, träumte Panton bereits von flüssigen Formen und psychologischen Farbräumen.
Verner Pantons Philosophie in drei Worten:
1. Mut: Er hatte keine Angst vor dem Scheitern (und scheiterte oft, bevor die Technik seine Visionen einholen konnte).
2. Farbe: Für Panton war Farbe kein dekoratives Extra, sondern ein Werkzeug, um Emotionen zu steuern.
3. Raum: Er dachte nicht in isolierten Möbelstücken, sondern in Atmosphären – in Objekten als Teil einer dynamischen Wohnumgebung.
„Die meisten Menschen verbringen ihr Leben in furchterregender, grau-beiger Konformität. Ich möchte die Menschen dazu bringen, ihre Fantasie zu nutzen.“ – Verner Panton (aus dem Englischen übersetzt)
Panton war der Erste, der verstand, dass die industrielle Fertigung neue Freiheiten bot. Er brach mit der traditionellen Vierbeinigkeit des Stuhls.
Das Monomaterial: Der legendäre Panton Chair war der erste Freischwinger aus einem einzigen Guss Kunststoff. Es war eine technische Herkulesaufgabe, die Jahre der Entwicklung mit Vitra brauchte. Er bewies: Ein Möbelstück kann wie eine Skulptur aussehen und trotzdem stapelbar und bequem sein.
Farbe als Architektur: Panton gestaltete ganze Innenräume (man denke an das berühmte Spiegel-Verlagsgebäude in Hamburg), in denen Boden, Wand und Decke miteinander verschmolzen. Er nutzte Farbe, um Geborgenheit oder Energie zu erzeugen – ein Vorläufer des heutigen „Dopamine Decor“.
Warum erleben wir gerade jetzt ein so massives Comeback seiner Entwürfe? Wenn wir ehrlich sind, haben wir uns am „Safe Design“ ein wenig sattgesehen.
In einer Zeit, in der Instagram-Feeds oft wie Einheitsbrei aussehen, ist ein Panton-Design ein Statement. Es sagt: „Ich traue mich.“ Ein Panton Wire Regal oder eine VP Globe Pendelleuchte sind keine bloßen Einrichtungsgegenstände, sie sind Charaktere im Raum.
Wir konsumieren bewusster. Anstatt fünf kurzlebige Trends zu kaufen, investieren wir in das eine Objekt, das den Raum definiert. Pantons Designs haben diese seltene Qualität: Sie sind visuell laut, aber formal so perfekt durchdacht, dass man sie niemals leid wird.
Wir leben in einer digitalen, oft kühlen Welt. Pantons organische Formen – diese weichen Kurven, die den menschlichen Körper imitieren – bieten einen haptischen und visuellen Kontrast zur harten Kante unserer Bildschirme. Seine Entwürfe entschleunigen.
Ohne das gestalterische Genie Verner Pantons infrage zu stellen: Dass seine Entwürfe heute populärer sind als zu seinen Lebzeiten, ist auch der Verdienst von Marken wie Vitra, Verpan, Louis Poulsen, &Tradition und Montana. Sie haben aus dem „Kind seiner Zeit“ – den heiteren 60er- und 70er-Jahren – eine zeitlose globale Marke gemacht. Dieser Erfolg beruht vor allem darauf, dass diese Hersteller die Produktion technologisch konsequent weiterentwickelt und die Originalentwürfe behutsam an moderne Lebensstile angepasst haben.
„Wir haben das Panton-Portfolio um Optionen erweitert, die die Klassiker in einem neuen, zeitgemäßen Licht erscheinen lassen und dabei ihren ikonischen Wert bewahren.“ – Christian Grosen, Chief Design Officer bei Vitra
Dank neuer, beständiger Materialien und moderner Fertigungsmethoden sind Pantons Entwürfe heute langlebiger als je zuvor. Ein prominentes Beispiel ist der Panton Chair: In den 70er-Jahren musste die Produktion zeitweise komplett eingestellt werden, da die damals verwendeten Materialien – wie glasfaserverstärktes Polyester oder instabiles Polystyrol – unter Belastung spröde wurden und brachen. Erst die innovativen Kunststoffe der 90er-Jahre machten aus der Skulptur den robusten Alltagsgegenstand, den wir heute kennen.
Zudem sind die meisten Entwürfe heute nachhaltiger denn je: Durch den Fokus auf Recyclingfähigkeit und zirkuläre Materialkreisläufe werden die Klassiker fit für die Zukunft gemacht.
Gleichzeitig sind sie flexibler als je zuvor: Montana bietet mit dem Panton Wire System endlose Konfigurationsmöglichkeiten für modernes Wohnen. Vitra fertigt den klassischen Panton Chair heute aus langlebigem, UV-beständigem Polypropylen, was ihn nicht nur erschwinglich, sondern auch outdoor-tauglich macht. Und dank modernster Akku-LED-Technik transformierte &Tradition die ikonische FlowerPot in eine kabellose, tragbare Leuchte – ein gefragtes Lifestyle-Accessoire für drinnen und draußen.
Und schließlich verstehen es diese Traditionsmarken meisterhaft, die Geschichten hinter den Entwürfen zu erzählen. Wir lassen uns gerne von Produkten begeistern, die nicht als „perfekte“ Industrieware begannen, sondern in über 50 Jahren eine bahnbrechende Entwicklung vom fragilen Experiment zum nachhaltigen Allrounder hingelegt haben.
Verner Panton zu feiern bedeutet nicht, nostalgisch in die 60er zurückzublicken. Es bedeutet, seinen Geist der Freiheit zu adoptieren. In einer Wohnung, die einen Panton-Entwurf beherbergt, herrscht immer ein bisschen mehr Optimismus.
Ob es die ikonische Flowerpot-Leuchte auf dem Nachttisch ist oder der mutige Panton Pop auf der Terrasse: Panton erinnert uns daran, dass Design Spaß machen darf. Dass es uns herausfordern sollte. 100 Jahre später ist klar: Er war nicht nur ein Designer, er war ein Visionär der Lebensfreude.
Alles Gute zum 100., Verner Panton!
Wer war Verner Panton?
Verner Panton (1926–1998) war einer der einflussreichsten dänischen Designer des 20. Jahrhunderts. Während seine Zeitgenossen auf Holz und Funktionalismus setzten, wurde er durch seine futuristischen Entwürfe aus Kunststoff, seine Liebe zu kräftigen Farben und seine visionären Rauminstallationen weltberühmt.
Wie begann die Karriere von Verner Panton?
Panton studierte Architektur an der Königlich Dänischen Kunstakademie in Kopenhagen. Seinen entscheidenden Schliff erhielt er Anfang der 1950er Jahre im Büro der Designikone Arne Jacobsen. Während dieser Zeit arbeitete er unter anderem am legendären „Ameisen-Stuhl“ mit. Doch schon bald wurde deutlich: Panton wollte die traditionellen Pfade des skandinavischen Handwerks verlassen, um die Möglichkeiten neuer Materialien zu erkunden.
Was war der radikalste Bruch in seiner Entwicklung?
Sein Abschied vom Holz war Verner Pantons radikalster Bruch. Während Dänemark für exzellente Tischlerarbeiten berühmt war, sah Panton in Stahl, Kunststoff und Fiberglas die Zukunft. 1955 gründete er sein eigenes Studio und schockierte die Fachwelt 1958 mit dem Cone Chair: Ein Sessel in Form eines Kegels, der auf einer Spitze balancierte. Er brach damit die visuelle Erwartungshaltung, wie ein Möbelstück „zu stehen“ habe.
Was ist Verner Pantons bekanntester Entwurf?
Der Panton Chair(1967). Er ist der erste aus einem einzigen Stück Kunststoff gefertigte Freischwinger der Welt. Mit seiner S-förmigen Silhouette gilt er als eine der wichtigsten Ikonen des modernen Möbeldesigns und steht heute in den bedeutendsten Museen der Welt, wie dem MoMA in New York.
Warum sind seine Designs heute wieder so im Trend?
In einer Zeit des minimalistischen "Quiet Luxury" bieten Pantons Entwürfe das nötige Gegengewicht: Individualität und Optimismus. Seine Objekte fungieren als "Statement Pieces", die Charakter in cleane Räume bringen. Auch sein Fokus auf organische Formen trifft den aktuellen Zeitgeist. Zudem sind seine Entwürfe dank technologischer Entwicklung und moderner Materialien langlebiger, nachhaltiger und flexibler denn je.
Warum hat Panton so viel mit Kunststoff gearbeitet?
Panton war fasziniert von den Möglichkeiten der industriellen Massenfertigung. Kunststoff erlaubte ihm Formen (wie Kurven und Wellen), die mit Holz unmöglich umzusetzen waren. Er wollte Design demokratisieren – hochwertige Gestaltung sollte für viele Menschen zugänglich sein, nicht nur für eine Elite.
Sind Panton-Möbel trotz ihrer Form bequem?
Ja, absolut. Panton war ein Meister der ergonomischen Kurve. Der Panton Chair beispielsweise passt sich durch die Flexibilität des Materials und die anatomische Form überraschend gut dem Körper an. Seine Entwürfe folgen der Philosophie, dass Sitzen ein Erlebnis sein sollte.
Beitrag vom 18.02.2026, von Anja Beckmann