Der Barcelona-Pavillon

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„Architektur beginnt, wenn zwei Backsteine sorgfältig zusammengesetzt werden.“ Dieses Zitat stammt von einem der wohl bedeutendsten Architekten des 20. Jahrhunderts: Ludwig Mies van der Rohe.

Spätestens mit dem Barcelona-Pavillon, dem deutschen Beitrag zur Weltausstellung 1929 in Barcelona, gelang Mies van der Rohe der Einzug in die Architekturgeschichte. Dazu brauchte es allerdings mehr als nur ein paar Backsteine: „Hätte ich Ziegel genommen, wäre der Pavillon zwar genauso gute Architektur geworden, aber ich glaube kaum, dass er ebenso berühmt geworden wäre“, äußerte sich der Meister rückblickend.

Ludwig Mies van der Rohe

Die Entstehung des Barcelona-Pavillons

Als Mies van der Rohe im Jahr 1928 als künstlerischer Leiter der deutschen Beteiligung der Internationalen Weltausstellung in Barcelona ernannt wurde, war ein deutscher Pavillon noch gar nicht in der Aufgabenstellung enthalten. Die Entscheidung dafür fiel erst wenige Monate vor der Eröffnung, als die deutsche
Regierung erfuhr, dass England und Frankreich eigenständige nationale Pavillons errichten würden. Man wollte gleichziehen und der Weimarer Republik mit dem Pavillon ein Portrait in Architektur schaffen: Das Bauwerk sollte die junge Republik als demokratisches und pazifistisches, kulturell und technisch fortschrittliches Land repräsentieren.

Im Gegensatz zu dieser ambitionierten symbolischen Aufgabe war die praktische Funktion des Pavillons minimal: Er sollte dem spanischen Königspaar und der Delegation aus Weimar während des Eintrags ins Gästebuch ein Dach über dem Kopf bieten. Und genau dies mag zum Erfolg des Pavillons beigetragen haben: Kein funktionales Programm stellte Ansprüche an sein äußeres Erscheinungsbild, sein Innenleben wurde nicht von Exponaten verdeckt. Es war das Gebäude selbst, das ausgestellt wurde, eine neue Architektur, die man so noch nicht gesehen hatte. Mies van der Rohe platzierte den Pavillon tempelgleich neben eine Wasserfläche auf einen Sockel, präzise ausgerichtet nach der umgebenden Natur.

Barcelona Pavillon

Eine neue Architektur...

Acht Stahlsäulen trugen die schwebend wirkende Deckenplatte. Die Wände bestanden ganzflächig aus Glas und wurden von Raumteilern aus edlem Marmor und Travertin ergänzt. Ihrer tragenden Funktion entledigt, schienen die Wände leicht unter der Betondecke hindurch zu gleiten. So veranschaulichten sie Mies van der Rohes Entwurfsprinzip des freien Grundrisses, bei dem die Wände flexibel platziert werden konnten. Weil Fußboden, Dach und Wandfläche den Raum nie ganz umschlossen, wirkte der Übergang zwischen den einzelnen Bereichen des Pavillons fließend. Der Besucher konnte durch den Pavillon wandeln, ohne jemals in einen abgeschlossenen Raum zu gelangen.

Durch die versetzte Anordnung der freistehenden Wandelemente des Pavillions ergaben sich vielfache Aus- und Durchblicke, welche eine klare Abgrenzung
zwischen Innen- und Außenbereich unmöglich machten. Dieses Konzept des offenen Raums setzte Mies van der Rohe durch den gesamten Pavillon fort: Trotz klarer geometrischer Struktur ergaben sich dem Besucher so verschiedene räumliche Zusammenhänge und die Architektur wurde zu einem meditativen
Erlebnis.

Barcelona Serie von Knoll

...mit revolutionären Möbeln

Mies van der Rohe war überzeugt, dass die vollkommene Harmonie aber nur erreicht werden könne, wenn auch das Design der Möbel die Struktur des Bauwerkes ergänzte. Für den Eröffnungsempfang wurde eine Sitzgelegenheit für das spanische Königspaar benötigt, und so entwarf Mies van der Rohe den
MR 90, einen Stuhl, den er selbst als „monumentales Objekt“ bezeichnete und der zu einem Meilenstein des modernen Designs wurde. Ungewöhnlich war die Verwendung von geschweißtem Bandstahl, der durch seine Stabilität die charakteristische Scherenform des Stuhls ermöglichte. Die Inspiration dazu
kam aus der Antike: Mies van der Rohe empfand mit dem Barcelona Sessel die Form der Sitzgelegenheiten griechischer Gottheiten und Herrscher nach, die
Klappstühlen ähnelten.

Obwohl es sich also gewissermaßen um einen neuzeitlichen Thron handelte, verschmähten die spanischen Hoheiten die Sessel während der Eröffnungszeremonie und sie wurden nie benutzt. Bereits wenige Monate nach der Weltausstellung wurde der Pavillon demontiert und in Einzelteilen verkauft. Aber auch nach seinem Abriss blieb der Pavillon eine Schlüsselreferenz der Architektur des 20. Jahrhunderts. Bald wurden Stimmen laut, die einen Wiederaufbau forderten. 1986, zum 100. Geburtstag Mies van der Rohes, wurde der am Originalort rekonstruierte Pavillon wieder eröffnet. Seitdem fasziniert
das kleine Gebäude wieder Tag für Tag große Besucherströme.

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