Designer Øivind Alexander Slaatto im Interview

„Anfangs sind alles, was man hat, Wünsche und Visionen.“

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Beitrag vom 23.02.2017

Slaatto Interview KatalogØivind Alexander Slaatto (geboren 1978) stammt aus einer Musikerfamilie. Er studierte Musik an der Royal Danish Academy of Music und graduierte an der Danish Design School, bevor er sich unter dem Namen SLAATTO DESIGN in Kopenhagen als Designer selbstständig machte. Slaatto entwirft heute Leuchten für Louis Poulsen und Le Klint sowie Lautsprecher für Bang & Olufsen. Er teilt sich die Studio- und Werkstatträume mit anderen bekannten Design-Newcomern und gilt selbst zu Recht als ein großes Nachwuchstalent der dänischen Designszene.

Du hast ursprünglich eine Ausbildung als Konservatoriumsmusiker absolviert. Warum und wie bist du zum Design gekommen?

Slaatto-4zu3Das Interesse am Design bestand schon, bevor ich am Musikkonservatorium anfing. Ich habe seit meinem 5. Lebensjahr mit viel Freude Musik gemacht, weshalb ich die Aufnahmeprüfung an der Royal Danish Academy of Music einfach probieren wollte. Und es hat geklappt. Während meiner Zeit als Musiker habe ich aber gemerkt, dass ich mehr Autos als Noten zeichnete. Irgendwann konnte ich meinen Zeichendrang nicht mehr ignorieren und ich bewarb mich an der Danish Design School.

Mein Hauptinstrument war damals die Tuba. Die hat ein sehr begrenztes Repertoire an Spielmöglichkeiten. Es war eine große Herausforderung die oft avantgardistische Musik so selbstverständlich, natürlich und überzeugend zu vermitteln, dass es für jedes Publikum ein Erlebnis ist – und je länger das Stück, auch sehr anstrengend. Darüber hinaus empfand ich die Schlepperei des schweren Instruments und das viele Reisen irgendwann als nervend. Im Design bestimme ich selber das Repertoire. Das ist ein großes Privileg. Außerdem kann mein Design auch ohne mich reisen und wenn ich reisen muss, brauche ich mich nicht mehr um eine riesige Tuba kümmern, die an irgendeinem Transfer-Flughafen stecken bleibt.

Als Designer geht es darum, Visionen so klar und selbstverständlich zu vermitteln, dass alles als einfach und selbstverständlich erlebt wird – egal wie komplex und schwierig die Aufgaben anfangs aussehen. Anfangs sind alles, was man hat, Wünsche und Visionen. Dann beginnt die Suche, die oft lange dauert und voll von Umwegen ist, bis man das gefunden hat, wovon man träumte. Also ebenso, wie in der Musik.

Gibt es für dich noch weitere Verbindungen zwischen Musik und Design?

LeKlint-Swirl2-Pendelleuchte-3zu4Beides ist Kultur. Es handelt sich um Logik. Logik ist für mich etwas Emotionales, wie Gefühle, Erzählungen, Geschichte, Identität.

Konkret gibt es auch direkte Verbindungen: Der Rhythmus in der Musik gleicht Proportionen im Design. Ecken, Kanten und Rundungen im Design gleichen dem Ton in der Musik. Die Klang-Farbe in der Musik gleicht der Farbe oder dem Material im Design. Ich versuche Strukturen und Logik zu finden – irgendwie suche ich immer nach Wahrheit oder Sinn.

Wie ist deine Herangehensweise beim Entwerfen eines neuen Produktes?

Mein Design-Prozess ist eine Suche nach Sinn. Mein Tuba-Lehrer erlaubte mir erst Aufnahmen von einem Musikstück zu hören, nachdem ich eine eigene Interpretation erarbeitet hatte. Erst dann durfte ich Inspiration von anderen Interpreten suchen. Das dauerte zwar etwas länger, aber man lernte das eigenständige Suchen und Entdecken.

BeoPlayA9 Lautsprecher2 4zu3Wenn ich heute zum Beispiel einen Lautsprecher entwerfe, versuche ich erst, alles zu vergessen, was ich über Lautsprecher weiß, und orientiere mich erst am bestehenden Lautsprecher-Markt, wenn ich meine eigenen Entwürfe gemacht habe. Ich versuche, meiner Intuition zu folgen, weil sie oft viel schlauer ist als mein Hirn oder so was Doofes wie "der Markt", der von Ignoranten oft vergöttert wird. Erst dann fangen meine Forschung und Recherche an. Ich versuche zu verstehen, was ein Lautsprecher eigentlich ist – seine Physik, seine Funktion, sein Wesen.

Slaatto-3zu4Zum Beispiel ist der Bang & Olufsen A9 Lautsprecher rund, weil sich auch Musik und Töne kreisförmig verbreiten und weil Töne von der Schwerkraft kaum beeinflusst werden. Die Schlitze am Rücken sind spiralförmig, einem Rhythmus folgend organisiert, und die hölzernen Beine machen den Lautsprecher zu einem Möbel statt zu einer Maschine. Der Aluminiumring ist ein visueller Rahmen, der alles zusammenhält und darüber hinaus eine klare Bang & Olufsen Signatur, weil Bang & Olufsen seit langem mit Aluminium arbeitet und für geometrische Formen bekannt ist. Außerdem lädt der Ring zur Interaktion ein – man möchte ihn gerne berühren und kann durch die Berührung sogar die Lautstärke regulieren.

Der letzte Schritt ist dann materiell und besteht unter anderem im Bau von Prototypen. Meine Werkzeuge dabei sind klassisch analoge Geräte wie Bleistift und Papier, Holz, Kupferdraht, gemischt mit digitalen Techniken wie 3D Programmen, 3D Druckern und Laserschneidern.

Was ist die Inspirationsquelle für deine Designs?

LeKlint-Patera-Pendelleuchte2-3zu4Die Natur ist mein großes Vorbild, weil in der Natur nur die besten Lösungen überlebt haben. Gäbe es etwas Besseres, hätte das Bessere den Platz eingenommen. In der Natur gibt es strenge Regeln und unendlich viele Ausnahmen. Alles ist ausbalanciert und natürlich – nichts ist gezwungen – und alles hat seinen Platz im großen Kreislauf, wo Abfall kein Abfall ist, sondern Nährboden für neues Leben.

Folgt dein Design einem bestimmten Stil, einer Philosophie oder Richtlinie? Was macht für dich gutes Design aus?

Slaatto2-4zu3Design sollte einleuchtend sein. Pragmatisch, indem nur das bleibt, was nicht mehr reduziert werden kann – und poetisch. Design sollte ehrlich sein und das kommunizieren was es ist – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Außerdem sollte Design intuitiv brauchbar sein – auch ohne Gebrauchsanweisung.

Am besten hat es auch noch ein langes Leben dank hoher Qualität – und wenn es sein Ende erreicht hat, sollte es leicht wiederverwendbar sein, damit Ressourcen nicht verloren gehen.

Gutes Design ist klar und gut für alle, die damit zu tun haben – vom Fabrikarbeiter, Verkäufer, Distributoren, Kunden, von der Müllabfuhr, Fabrikarbeitern...

Alles hat positive und auch negative Auswirkungen. Zum Beispiel sterben jedes Jahr Tausende in schönen Autos, die sogar die Luft verpesten, aber Autos ermöglichen auch Mobilität und eine lebendige Gesellschaft – insgesamt haben sie dann schon mehr Vor- als Nachteile. Als Designer sollten wir uns immer solche Überlegungen machen, bevor wir drauf los schaffen – aber Fehler sind leider unumgänglich.

Hast du einen bekannten Designer oder eine bekannte Designerin als Vorbild?

LeKlint-Patera-Pendelleuchte-3zu4Poul Henningsen war nicht nur der wichtigste Lichtdesigner Skandinaviens, der unter anderem die Grundlage für das Unternehmen Louis Poulsen schuf und dessen Philosophie bis heute prägt. Durch sein aktives Debattieren, Komponieren und Musizieren wurde er eine kulturelle und sogar politische Institution, die noch heute große Bedeutung für Dänemark hat. Es gab kaum ein Thema, das von Henningsen unberührt blieb und das war auch gut so – ich wünschte es gäbe ihn heute noch.

Dieter Rams ist ebenfalls ein Vorbild. Er verstand sein Fach, hatte Mut, neue Wege zu gehen und war ein Visionär. Schade, dass sein Erbe nicht bei BRAUN gepflegt wird. Während BRAUN zu Zeiten von Dieter Rams noch Mut zum guten Design hatte, produziert man dort heute den gleichen Schrott wie überall, damit Kunden neue Produkte schnell wegwerfen und wieder neue Produkte kaufen.

Dann Jonathan Ives, der Rahms Liebe zum Detail zur Identität von Apple gemacht hat, und Mut hat, eigene Wege zu gehen. Ray und Charles Eames, weil sie so saugute Möbel gemacht haben. Die Gebrüder Bouroullec, weil sie die besten Objekte entwerfen. Es gibt viele, auch unbekannte Designer die in vielerlei Hinsicht meine Vorbilder sind, und die viel mehr Erfolg verdient haben, als sie bekommen.

Dein Portfolio beinhaltet auffällig viele Leuchten. Spielt Licht eine besondere Rolle für dich?

LeKlint-Swirl1-Pendelleuchte-4zu3Ich litt lange an einer Lichtempfindlichkeit. Schlechtes Licht ist schlecht für mich – gutes Licht berührt und bewegt mich. Als Designer habe ich das Glück, dass ich aus einem Handicap eine Begabung machen konnte. Ich habe zwar noch viele Lampen-Entwürfe im Kopf, aber auch Lust, andere Disziplinen zu erforschen.

Du teilst dir die Büro- und Werkstatträume mit verschiedenen anderen bekannten Designern wie Rikke Hagen oder Hee Welling, der mit dem About A Chair für Hay große Erfolge feiert. Wie kam es zu diesem Zusammenschluss?

BeoPlayA9 Lautsprecher 4zu3In der Design Schule lernte ich viel mehr von den anderen Studenten als von den Professoren. Nach dem Studium vermisste ich die anderen – deshalb suchte ich wieder nach einem Zusammenschluss mit anderen Designern. Ich freundete mich mit Steffen Juul und Hee Welling an und zusammen gründeten wir später unser gemeinsames Studio, in dem heute acht bis zehn freie Designer täglich ein- und ausgehen. Wir sind aber nicht nur traditionelle Designer, sondern haben hier zum Beispiel jemanden, der sich mit künstlicher Intelligenz beschäftigt oder zwei Kerle, die ganze Stadtteile neugestalten.

Alle arbeiten an ihren eigenen Sachen, aber gekocht und gegessen wird zusammen – und natürlich diskutieren und inspirieren wir uns und spielen sehr viel Tischtennis. Alle sind Könige im eigenen Reich, aber zusammen verfügen wir über ein großes Wissen und haben ein großes Kontakt-Netzwerk. Niemand hat Angst, etwas zu teilen oder einem anderen zu helfen, was ein wichtiger Bestandteil von meinem und unserem Erfolg ist. Ich denke, dass dieser Cocktail dazu beiträgt, dass oft richtig tolles Design bei uns gemacht wird.

Du hast bereits für viele traditionelle und bekannte dänische Unternehmen wie Louis Poulsen, Le Klint oder Bang & Olufsen Produkte gestaltet. Gibt es ein Unternehmen, mit dem du in Zukunft gerne zusammenarbeiten möchtest?

Bei der Wahl des Unternehmens ist es mir wichtig, dass es länger in die Zukunft schaut, als nur bis zum nächsten Rechenschaftsbericht, und Mut zu Visionen hat. Ob es dieser oder jener Markenname ist, ist mir weniger wichtig. Ich möchte mit engagierten Leuten zusammenarbeiten. Klar würde ich auch gerne mal etwas für Apple designen, aber noch lieber würde ich etwas machen, das noch besser wird als Apple.

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