Rolf Hay lebt seine Leidenschaft, liebt Handball und kann gut schreien

Der Gründer des Design-Labels Hay im Interview

Teilen
  •  Facebook
  •  Google+
  •  Twitter
  •  E-Mail
  •  RSS

Beitrag vom 10.02.2017, von Caren Schwenke

Rolf Hay im Interview 2017Rolf Hay lässt Pausen zwischen den Gedanken, die er ausformuliert. Das mag daran liegen, dass Deutsch nicht seine Muttersprache ist und zeigt doch, dass er ein bedachter Mensch ist. Der Mann, der ursprünglich keinen Bezug zu Design gehabt hat, führt seit 2002 eines der bekanntesten Design-Labels in Skandinavien. Nach einem kurzen Berlin-Aufenthalt, hat er vergangene Woche auch Hannover und damit Connox einen Besuch abgestattet.

Aufgeregt war ich vor meinem Interview mit dem Gründer eines so erfolgreichen Unternehmens. Aber Rolf Hay ist entspannt. Sein lockeres Auftreten und sein offenes, freundliches Gesicht wirken Wunder. Gekleidet ganz in Dunkelblau, mit kariertem Hemd, lockeren Chinos, einem legeren Sakko und schwarzen Sneakers, ist er alles andere als der Geschäftsmann, wie er im Bilderbuche steht. Wir duzen uns ganz selbstverständlich – eine angenehme, dänische Manier. Spätestens nach einem entwaffnenden Lächeln und der Frage „So, wie machen wir’s?“ kehrt meine innere Ruhe zurück – danke dafür!

Rolf, du warst früher schon einmal in Hannover. Du bist nach der Schule hierhergezogen, oder?

Ja, mehr oder weniger. Ich wusste nicht, was ich machen soll und ich wollte weiter Handball spielen. Und dann bin ich nach Deutschland gezogen. Ich habe in Godshorn gelebt.

In Godshorn in Langenhagen? Da ist unser neues Logistik-Zentrum…

Ist das Godshorn? Nein, echt. Das ist ein Schicksal, oder wie man das sagt. Da habe ich in einem skandinavischen Möbelhaus gearbeitet, als ganz junger Mann.

Und wie ist es für dich nun wieder in Hannover zu sein?

Ich habe zu Ruben, unserem Country Manager, gesagt – als wir in Hannover reingefahren sind… Das war fast nostalgisch. Ich bin seit vielen Jahren nicht mehr hier gewesen. Aber das war eine schöne Zeit.

Hattest du schon immer vor, ein weltbekanntes Design-Label zu gründen? Oder hattest du ursprünglich ganz andere Pläne?

In meiner Familie – abgesehen von meinem Vater und meinem Bruder – sind die meisten selbstständig gewesen. Manche waren sehr erfolgreich und manche weniger erfolgreich. So, das ist irgendwie in unserer DNA. Aber ich glaube als junger Mann denkt man da nicht so viel drüber nach. Und als ich in Hannover angefangen habe, da wusste ich gar nicht, wer Arne Jacobsen war und ich hatte keine Ahnung von Möbeln.

In die Designmöbel-Welt bist du dann durch den dänischen Möbel-Laden hineingewachsen?

Ja, genau. [Überlegt kurz.] Nee, eigentlich nicht. Weil der Laden, in dem ich da gearbeitet habe, das war kein Design-Laden. Das waren Kiefern-Möbel aus Skandinavien. Aber dort habe ich eine Person getroffen, die die Richtung in meinem Leben geändert hat – Peter. Und der hat eine Möbel-Agentur gehabt, die bedeutende, tolle Firmen aus Skandinavien vertreten hat. Und das hat mich umgehauen! Als ich da in die Welt der Designmöbel reingekommen bin, da hatte ich keinen Zweifel.

Und dann hat es auf einmal Klick gemacht.

Ja, eigentlich schon. Ich weiß es ganz genau noch, das war auf der Möbelmesse in Köln. Das war mein erster Arbeitstag bei Peter. Und dort wusste ich dann ziemlich schnell - das ist das Richtige für mich! Und von da an, hat sich das Interesse für Design sehr stark entwickelt. Und das war eigentlich eine entscheidende Zeit, weil ich jede Minute in Deutschland genutzt habe. Ich habe mir sehr viele Ausstellungen angeschaut. Manche Ausstellungen habe ich mir zwei- oder dreimal angeschaut. Das war extrem inspirierend. Ich habe es nie bereut.

Nachdem Rolf Hay zurück nach Dänemark gezogen ist, arbeitete er eine Zeit lang für das renommierte Familien-Unternehmen Gubi – dort lernte er auch seine Frau Mette kennen. Aus reinem Zufall, wie er sagt, traf er bei einer Möbel-Lieferung auf den Gründer der größten Modefirma Dänemarks – Troels Povlsen. Eine Begegnung, die die Weichen für die spätere Gründung von Hay legte. Danach wurde nicht lange überlegt, danach wurde direkt „losgelegt“.

Das Rolf Hay Interview 2017Hattet ihr damals schon ein Konzept?

Natürlich wussten wir, was wir machen wollten. Damals drehte sich das Skandinavische Design viel um das Design aus den 50ern und 60ern. Und diese Sachen sind auch immer noch sehr bedeutend. Aber die junge Generation war damals nicht so stark eingebunden in das Skandinavische Design. Das war eine Idee, vielleicht wäre da eine Möglichkeit. Und dann haben wir auch sehen können, dass einige von den Firmen, die für meine Generation interessant waren..., die waren einfach zu teuer. Man konnte sich das nicht leisten. Wenn wir tüchtige Designer heranziehen könnten und dann hochwertige Designprodukte machen könnten, zu einem guten Preis…, das war unsere Möglichkeit. So etwas gab es zu dem Zeitpunkt nicht. Das Timing war irgendwie perfekt.

Viele handeln Hay als Vertreter des Skandinavischen Designs. Siehst du Hay heute auch in diesem Kontext oder macht ihr etwas ganz Neues?

Ich weiß, dass für viele unserer Kunden Dänisches oder Skandinavisches Design eine Rolle spielt. Wir sind natürlich ein dänisches Design-Unternehmen, weil wir aus Dänemark kommen. Aber eine Sache, die bei uns wichtig war, ist, dass wir mit den besten Designern der Welt zusammenarbeiten wollten. Um ganz ehrlich zu sein, es ist mir egal, ob du aus Polen, Deutschland oder Dänemark kommst – das, was wirklich wichtig ist, ist deine Idee. Wenn du eine gute Idee hast und das tüchtig umsetzt, dann ist jeder bei uns herzlich willkommen.

Was ist für dich eine gute Idee?

Es gibt glücklicherweise kein Rezept für eine gute Idee. Sonst wäre es zu einfach.

Hat das viel mit Intuition zu tun oder wie geht ihr bei der Auswahl des nächsten Projektes ran?

Das kommt drauf an… Das Produkt braucht eine neue Komponente oder eine kleine Verbesserung. Und eine Verbesserung kann eine neue Formsprache sein oder in der Produktionsweise stattfinden. Bei uns geht es darum, dass wir hochqualitative Design-Produkte machen wollen, die in einem demokratischen Kontext entstehen. Und das fordert eine gewisse Intelligenz, wie die Sachen hergestellt werden. Wir verwenden viel Zeit, die richtigen Produktionsmittel zu finden. Es geht darum, neue Technologien in die Produktion mit einzubringen. Eine gute Idee für ein neues Produkt kann auch eine neue Produktionsform sein. Mit einer neuen Technologie kann man eine neue Formsprache entwickeln, Produkte robuster und langlebiger machen. Es kann auch umweltschonender sein. Aber es kann auch günstiger sein. Es ist mir voll bewusst, dass unsere Produkte nicht billig sind. Aber wir bemühen uns immer, den bestmöglichen Preis anzubieten.

Ist das ein Erfolgsrezept von Hay, dass mehr Leute sich die Produkte leisten können? Oder warum denkst du, ist Hay erfolgreich?

Also das hat bestimmt auch etwas damit zu tun.

An dieser Stelle unterbrechen wir kurz das Interview. Das Telefon klingelt und ich versichere ihm, dass er gern abnehmen kann. Diese kurze Unterbrechung nutzen wir, um endlich zu klären, ob man Hay nun Hej oder Hai ausspricht. Rolf Hay ist amüsiert:

Wenn das Interview in Englisch gewesen wäre, dann hätte ich auch ‚Hej‘ gesagt und auf Dänisch hätte ich auch ‚Hej‘ gesagt. Aber komischerweise, mein Vater sagt ‚Hai‘. Aber das ist einer der Fälle, wo ich normalerweise sage, das müsst ihr selbst entscheiden. [Lacht laut.]

Du hängst nicht daran?

Ich habe immer in der Firma gesagt, dass es nicht um die Marke geht. Es geht um die Produkte, die wir liefern. Hay ist getrieben von den Produkten und dem Design.

Das Rolf Hay Interview 2017Aber die Vorstellung ist ja schon enorm – dein Name ist nun eine so große Marke…

Ja, nichts Anderes ist uns eingefallen, um ehrlich zu sein. [Muss lachen.]

Ehrlich. Auch ich muss lachen.

Zurück zum Erfolg.

Also für mich ist das Thema Erfolg nicht etwas, was mich interessiert. Man muss natürlich profitabel sein – das sind wir auch. Aber für mich und meine Frau und unseren Geschäftspartner Troels ging es immer darum…[Rolf Hay überlegt etwas länger.] Also Design ist das größte Interesse in meinem Leben – und so ist es seit 25 Jahren. Morgen kriegen wir einen neuen Prototyp und es bringt mich um, dass ich morgen nicht im Büro bin. Und mein Interesse bedeutet mir immer noch sehr viel. Ich mache das, was ich mache, extrem gern.

Nichtsdestotrotz ist es doch bestimmt ein gutes Gefühl zu sehen, wie viele Leute Hay begeistert oder?

Ja, das freut mich sehr.

In diesem Moment fällt ihm etwas ein.

Jemand hat mich letztens gefragt, was mich am meisten freut. Und es gibt natürlich Vieles. Zum Beispiel Mitarbeiter, die seit über zehn Jahren dabei sind und bei denen man sieht, wie die sich entwickelt haben. Darauf bin ich dann einfach stolz. Dass man eine Firma hat, bei der so viele Leute so lange dabei sind. Und was mich nach wie vor sehr freut, ist, wenn ich irgendwo spazieren gehe und dann durch ein Fenster schaue und dann sehe, oh, da steht ein Stuhl von uns oder da steht eine Vase im Fenster. Dieses gute Gefühl hat sich auch nach den Jahren nicht geändert. Und dafür bin ich extrem dankbar.

Manchmal ist es frustrierend an etwas zu arbeiten, wo man nicht die richtige Lösung findet. Aber ich bin extrem dankbar, dass ich etwas gefunden habe in meinem Leben, was mich so stark interessiert. Und ich hoffe, dass man das als Außenstehender merkt.

Auch deine Familie spielt in deinem Leben eine ganz wichtige Rolle. Wo tankst du Kraft, um dein Leben als Geschäftsführer und Vater zweier Kinder unter einen Hut zu bringen?

Ich arbeite schon viel. Wahrscheinlich auch mehr als der durchschnittliche Däne, aber das Wichtigste ist meine Familie – mit Abstand. Und da bekomme ich viel Energie her. Ich war mal Handballtrainer in der Mannschaft meiner Tochter. Ich glaube, dass auch viel Energie daher kommt, dass ich etwas mache, was mein Interesse ist.

Und das sieht man ihm an. Seine Körpersprache – wenn es um Design und seine Firma geht – erinnert an einen Sprinter, der direkt losrennen möchte. Tatsächlich gibt er zu, dass er in Bezug auf Dinge, die ihn nicht interessieren, eher faul ist und meint:

Wenn ich nichts gefunden hätte, was mich stark interessiert, dann weiß ich nicht, was aus mir geworden wäre. Es gab im Grunde nur zwei Sachen, die mich stark interessiert haben. Das erste war Handball und das zweite ist Design.

Wärst du sonst vielleicht Handballer geblieben?

Nein, dafür war ich nicht gut genug. [Lacht.]

Vielleicht als Trainer…

Ja, vielleicht als Trainer. [Er schmunzelt.] Ich kann gut schreien. [Wir lachen beide.]

Hast du ein Lieblingsprodukt?

Nein.

Gar keine Präferenz?

Nein. Aber um ehrlich zu sein, was mich am meisten interessiert, das sind die Sachen, an denen wir im Moment arbeiten. Ich bin leider so ein Mensch – das, was vor mir liegt, interessiert mich viel mehr, als das, was hinter mir liegt. Das hat seine Vorteile und Nachteile. Im Moment arbeiten wir an einem neuen Möbelprogramm, was wir in Stockholm vorstellen. Es geht um eine Re-Lancierung von Möbeln aus den 50er Jahren – gemacht von zwei holländischen Designern, Wim Rietveld und Friso Kramer. Das sind wirklich intelligente und gut durchdachte Möbel. Und da merke ich, da werde ich langsam nervös. Man weiß nie, ob etwas Neues erfolgreich wird. Wobei ich auch sagen muss, je länger ich mit Möbeln arbeite, desto besser wird das Gefühl, ob etwas funktioniert oder nicht. Und dafür kommen morgen neue Proben aus der Fabrik, die hoffentlich perfekt sind. Weil sonst haben wir ein Problem.

Wärst du enttäuscht, wenn die Proben nicht gut sind?

Ja, total. Bei uns ist es so, dass ich den ersten Prototyp mit nach Hause nehme. Und dann steht der bei uns im Haus, sodass man den gut sehen kann und Probesitzen kann. Und wenn ich dann merke, dass Mette nicht ganz so überzeugt ist, dann wird es schwierig. Dann dauert es ein bisschen, bis wir uns wieder gut unterhalten können. In der Phase bin ich extrem sensibel. Und diejenigen, die mich kennen, die wissen das.

Eine Sache, die ich an meiner Arbeit sehr gerne mag, ist die Phase, wenn es von der 3D-Zeichnung zum Prototypen kommt. Die müssen ganz nah an der Realität sein. Manchmal wird man positiv überrascht und manchmal ist es voll daneben. Und das legt mich immer um, wenn das passiert. Damit kann ich nicht umgehen. Ich kriege dann schlechte Laune. Und es gab ein paar Mal, da bin ich dann nach Hause gegangen, weil ich wusste, wenn ich hierbleibe, dann zerstörst du einen guten Tag für deine Mitarbeiter.

Wie eng bist du generell in den Prozess vom Design-Entwurf bis hin zum fertigen Möbelstück eingebunden?

Also, meine erste Entscheidung ist, zu gucken, ob wir etwas umsetzen oder nicht. Da verwende ich viel Zeit für. Ich bin dann wieder bei der Entscheidung über die Herstellungsweise dabei und dann eigentlich immer wieder – vielleicht häufiger, weil es mich interessiert. Aber das Team hält es am Laufen.

Was erwartet uns in der Zukunft von Hay?

Erstmal kommt der Relaunch, den wir in Stockholm vorstellen. Es gibt eine Handvoll Designer, mit denen wir eigentlich immer zusammenarbeiten. Die Bouroullec Brothers aus Paris – die sind mit drei Projekten im Gange. Stefan Diez ist auch an etwas dran. Und dann taucht ab und zu eine neue Idee auf und da…

Er bricht kurz ab.

Also ich muss sagen, für mich spielt es im Grunde überhaupt keine Rolle, ob es ein bekannter Designer ist. Wir arbeiten mit Stefan Diez, weil er extrem tüchtig ist und nicht, weil er bekannt ist. Und das gilt auch für die Bouroullec Brothers. Wir merken natürlich auch, dass wenn wir was von Bouroullec vorstellen, dann ist da ein anderes Interesse vorhanden – vom Markt, von der Presse. Das will ich gar nicht abstreiten, aber ich glaube, wenn das Produkt erstmal bei euch vorhanden ist, auf eurer Seite, dann kommt man nicht mit einem halbguten Produkt durch, nur, weil es ein guter Designer gemacht hat.

Nach nun knapp einer Stunde Gespräch möchte ich unbedingt noch eine Frage loswerden.

Das Rolf Hay Interview 2017Laut dem World Happiness Report ist Dänemark das glücklichste Land. Was macht ihr Dänen besser als wir Deutschen?

Bei dieser Frage gerät der Hay-Gründer etwas ins Stocken, scheinbar hat er von diesem Report noch nichts gehört. Er wüsste gar nicht, wie man das messen soll – und das ist ein berechtigter Einwand. Nachdem er gefragt hat, auf welchem Platz Deutschland stünde und ich ihm mitteile, dass Deutschland ziemlich weit unten steht, wundert sich Rolf Hay und meint:

Wir gewinnen nie etwas – ihr gewinnt immer!

Was gewinnen wir denn?

Ja, Fußball! Außer 1992, da hat Dänemark im EM-Finale gegen Deutschland gespielt. Da war ich mit meiner Handballmannschaft in einer Kneipe hier in Deutschland, und Dänemark hat gewonnen. Zwei Sekunden später war die ganze Kneipe leer. An dem Tag war mir sehr bewusst, dass es wichtig ist, wenn man etwas gewinnt, das man jemanden hat, mit dem man das teilen kann. Und so geht es auch meiner Frau und mir mit der Firma. Danke für das Gespräch.

Rolf Hay im Interview 2017  

Rolf Hay im Interview 2017

Rolf Hay bei Connox 2017: Wir haben den Gründer von Hay, eines der bekanntesten Wohndesign-Labels aus Skandinavien, interviewt. Er berichtet von seinen Leidenschaften für Design.


Alle Beiträge der Kategorie Hinter den Kulissen