Von Farben, der Liebe und warum gutes Design Zeit braucht: Carole Baijings von Scholten & Baijings im Interview

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Beitrag vom 03.07.2017, von Caren Schwenke

Scholten & Baijings im Interview 2017Eine Stimme, sanft und melodisch. Sie erinnert mich an feminine Kleider aus den 40er Jahren und gehört zu Carole Baijings. Vor ein paar Tagen durfte ich ein Telefon-Interview mit der niederländischen Designerin von Scholten & Baijings führen. Sie berichtete mir von der Entstehung von Scholten & Baijings, von ihrer gemeinsamen Arbeit mit Ehemann Stefan Scholten und ihrer Liebe zu Farben.

Gleich zu Beginn des Gesprächs stellt Carole klar, dass sie stellvertretend auch für ihren Mann spricht – denn sie gehören zusammen und können nur als Team verstanden werden. Nach einem kurzen Small Talk, bei dem wir beide viel lachen, frage ich sie „Should we start?“ – wir führen das Interview auf Englisch.

Wann hast du entdeckt, dass du als Designerin arbeiten möchtest?

Also, Stefan war bereits Designer, als wir uns getroffen haben. Und ihn zu treffen bedeutete auch auf Design zu treffen. Direkt nachdem wir uns getroffen haben, habe ich angefangen ihm zu helfen. Anfangs war ich dann Assistance Director und habe Commercials gemacht. Beispielsweise für Coca Cola und Citroën. Mit Stefan habe ich mit dem Design angefangen. Fünf Jahre haben wir zusammen an der Design Academy unterrichtet. Aber vor vier Jahren haben wir damit aufgehört, weil wir zu viel unterwegs sind. Wir sind eigentlich jede Woche woanders. Vielleicht fangen wir wieder mit dem unterrichten an, wenn wir ein bisschen älter sind.

Dann entstand der Wunsch, als Designerin zu arbeiten, während der Begegnung mit deinem Mann…

Ja. Er ist von der Sorte Designer, die immer und überall alles skizzieren und nun haben wir die Ideen zusammen. Wir verbringen 24 Stunden am Tag gemeinsam und entwickeln die Ideen zusammen – während wir frühstücken, im Auto sitzen oder reisen. Es liegt quasi in unserer Natur. Zuerst haben wir uns verliebt und dann hat die Zusammenarbeit begonnen. Ich glaube das ist aber nichts, woran du denkst, wenn du jemanden triffst. Nach dem Motto „Oh, für den Rest meines Lebens werde ich 24 Stunden am Tag mit dir zusammen sein.“

Wir lachen. Nein, sowas denkt wohl keiner.

Scholten & Baijings kreiert eine große Bandbreite an Produkten – von Handtüchern, über Porzellan bis hin zu Stühlen. Ihr legt euch also auf keine bestimmte Kategorie fest. Nach welchen Maßgaben arbeitet ihr stattdessen?

Bei uns geht es immer um Interior-Produkte. Wir haben auch ein Konzept-Auto für MINI Cooper entworfen. Aber für uns ist das Auto das kleinste Interior, das existiert. Alle fühlen sich darin wohl. Deswegen ist Car Sharing auch nicht so erfolgreich. Die Menschen wollen ihre eigene Farbe haben, ihre eigenen Polster, eigene Musik. Es fühlt sich für jeden wie ein sehr persönlicher Raum an. Wir arbeiten auch an technischen Produkten aber auch diese sind sehr eng an den Körper gebunden und auch diese können zu Hause verwendet werden. Für uns fühlt es sich sehr logisch an, dass wir eine so breite Produktpalette und so vielfältige Materialen anbieten, es geht immer um Interior Design.

Hay - S&B Tablecloth Dot, pink Hay - S&B Colour Block Bettwäsche, rosa Der Hay - S&B Dot Carpet in hot pink

Beim Transkribieren der Tonaufnahme fällt mir an dieser Stelle auf, wie häufig Carole das Wort ‚feeling‘ verwendet. Offensichtlich spielt dies eine wichtige Rolle, um das Design von Scholten & Baijings verstehen zu können.

Für dich besteht also eine Beziehung zwischen unserem Körper, unserem Wohlbefinden und dem Produkt.

Ja, genau. Und auch, wie du den Raum wahrnimmst und erlebst – es sollte sich immer gut anfühlen. Genau wie das Produkt. Der Charakter unserer Arbeit, unserer Farben, Transparenz und Schichtung und all diese Details erzeugen einen gewissen persönlichen Wert, der außerdem dazu führt, dass die Besitzer das Produkt für einen längeren Zeitraum behalten. Zum Beispiel der neue 13Eighty Chair, den wir für HAY gemacht haben, ist ein Stuhl aus Plastik. Aber es fühlt sich ganz anders an, weil wir ihn mit 13.800 Löchern versehen haben. Das Material an sich wurde also in ein Material transformiert, das nun das Licht reflektiert. Und die Schatten und all das wirken aufeinander. Der Stuhl fügt sich nicht nur in den Raum oder das Zimmer ein, sondern geht in Symbiose mit ihm. Und wir spielen mit sehr sanften Tönen. Der Stuhl sollte eine Basis-Farbe bekommen, die in eigentlich alle Interieurs passt und auch als Gruppe funktioniert. Es geht also darum: Wie können Produkte in verschiedenen Interieurs überleben? Stefan und ich und unser Team – wir haben so viele talentierte Frauen und Männer mit an Board – machen nur das, worauf wir wirklich Lust haben. Wir sind quasi unsere eigenen Kunden, denn wir testen jedes Produkt ganz genau.

Wie genau nähert ihr euch einem neuen Design?

Also heute haben wir das Privileg, dass viele unserer Kunden zu uns kommen – weil sie unsere Handschrift mögen und weil sie die Designs mögen, die wir bereits gemacht haben. Sie geben uns ein gutes Briefing, aber sie geben uns auch ganz viel Freiheit. Und dann beginnen wir immer, unser Konzept mit einer Skizze. Und direkt danach fangen wir an, unsere eigene Farbe, unsere eigenen Modelle und unsere eigenen Materialien zu machen.

Was heißt das genau für die Umsetzung?, möchte ich wissen.

Also was wir zum Beispiel nie machen, ist eine Farbe aus dem Glas zu benutzen. Wir mixen immer unsere eigenen Farben. Wenn du deine eigenen Farben herstellst, dann nutzt du immer deine eigene Farb-Grammatik. Und es ist auch wichtig, dass die Farbe haargenau mit den Materialien zusammenpasst. Eine Farbe funktioniert beispielsweise mit Holz ganz anders, als mit einem Gewebe. Wir schauen uns aber auch ganz genau die Geschichte und DNA unserer Kunden an. Wir testen also die Farben, die wir mögen und dann fangen wir an, damit zu designen. Häufig sind unsere Kunden erst einmal überrascht, weil viele mit den Pantone Farben arbeiten oder mit Farben, die schon existieren. Wir nicht. Weil die Farben dann nicht genauso sind, wie wir sie haben wollen. Und dann sind die Endprodukte erst recht nicht, wie wir sie uns vorstellen. Wir müssen unsere Kunden also zunächst überzeugen, dass sie mit unseren Farben arbeiten.

Fangt ihr mit den Farben oder mit den Materialien an?

Das funktioniert alles im selben Prozess. Wir starten mit dem Konzept und unserer Skizze und dann entstehen das Material, die Farbe und der Prototyp. Und all unsere Designs sind sehr minimalistisch, weil sie uns dazu bringen mit Farbe oder Oberflächen oder Schichtung zu arbeiten. Aber wenn es minimalistisch gestaltet ist, dann muss es perfekt sein. Das ist auch der Grund, weswegen wir die Modelle brauchen. Um wirklich mit der Hand fühlen zu können, ob die Dimensionen stimmen. Wenn du nur im Computer designen würdest, dann weißt du nie, wie es sich anfühlt. Es ist natürlich verlockend, den Computer zu nutzen, weil unsere Methode sehr zeitraubend ist. Wir arbeiten ja mehr wie Künstler, nur dass das, was da entsteht, noch nicht benutzt werden kann. Aber wir finden jedes Mal noch kleine Details, die wir gerne ändern möchten, um näher an das zu kommen, was wir im Kopf haben. Wir haben mittlerweile eine ganze Bibliothek und Art Guides, die voll von Materialien sind, die wir über die Jahre gemacht haben.

Wo bekommt ihr eure Ideen her? Habt ihr bestimmte Vorbilder, an denen ihr euch orientiert?

Scholten & Baijings StudioEs sind wirklich unser gemeinsames Leben und all die Eindrücke, die wir von unseren Reisen mitbringen. Und Natur ist eine große Inspiration. Es gibt keine Blumen, die zu hell sind. Sie sind immer so perfekt, wie sie sind. Die Natur zeigt uns eine Balance. Und wir suchen immer nach dieser Balance mit unseren Designs. Wir mögen es, mit vielen hellen Farben zu arbeiten. Oder Farben, die gemeinsam besonders aussehen. Aber am Ende muss es harmonieren und sich von anderen Produkten abheben. Unser neues Studio ist direkt beim Rijksmuseum und deswegen sind wir nah bei Künstlern wie Stedelijk und Van Gogh. Und in unserer Geschichte haben wir viele großartige Vorbilder wie Mondrian und Rietveld – von Leuten, die mit Farben gearbeitet haben und dabei ihre ganz persönliche Handschrift hatten. Das beeinflusst uns möglicherweise schon.

Badezimmer einrichten mit Hay und Ferm Living Hay - S&B Geschirrtücher, Box Colour Wood Plain von Karimoku New Standard

Sind es die Farben, die euer Design von anderen unterscheidet?

Es sind auch die Farben, aber es sind all die Details, die Verbesserungen und die Schichtungen und auch die Ausstrahlkraft. Die fluoreszierende Farbe, die wir zum ersten Mal in 2005 benutzten ist nach wie vor ein Bestseller. Und nun sieht man viele fluoreszierende Farben im Interior-Design, aber bis dahin gab es keine. Genauso mit den grafischen Mustern, heute siehst du sie überall. Wir haben schon vor Jahren begonnen, damit zu arbeiten. Weil wir denken, wenn wir ein bestimmtes Raster nutzen, das eine bestimmte Schichtung erzeugt, dann bringt es zum Beispiel das Holz mehr zum Vorschein, sodass du es besser sehen kannst. Das ist etwas, mit dem wir liebend gerne arbeiten.

Habt ihr auch Farb-No-Gos?

Also, wir benutzen nicht so häufig Schwarz. Wir mögen Schwarz, aber für Produkte benutzen wir es nicht. Wir finden, dass andere Farben schöner sind. Wir haben einen schwarzen Tisch und Stuhl gemacht, aber das ist eher ein sanftes Schwarz, indem du noch die Holzmaserung erkennen kannst. Es gibt in diesem Schwarz also noch viele andere Farben. Ein bisschen Blau, ein bisschen Grau.

Hast du eine Lieblingsfarbe?

Also, ich persönlich liebe Pink… [Sie muss lachen.]

Und ich muss schmunzeln. Ich mag Pink auch und das sage ich ihr schnell.

Es ist einfach eine fröhliche Farbe…

Ja, das stimmt. Aber eigentlich mögen wir alle unsere Farben. Vor kurzem haben wir eine neue Farb-Palette für die Colour Plaids für HAY kreiert. Wir haben eine Skizze gemacht, haben nach Garnen geschaut, haben diese mit zum Textilmuseum nach Tilburg genommen. Dort haben wir ein Labor, in dem du als Designer arbeiten kannst. Und dort kannst du an den Maschinen herumprobieren und die Maschinen stoppen und eine neue Farbe versuchen und wieder anhalten. Also wenn wir dieses Labor nicht hätten, dann wäre es viel schwieriger Textilien zu entwickeln. Vor allem, weil es normalerweise in den Fabriken keine Zeit für so etwas gibt. Anhalten ist Geld. Aber wir brauchen das, um sicherzugehen, dass es die richtigen Größen werden oder dass die Farben die richtige Pop-ness haben. Lange Zeit haben wir keine neuen Farben gemacht, weil unsere immer noch gut funktionierten. Aber jetzt hat Hay angefragt und wir sind super glücklich. Und dann ist es für uns auch wichtig, mit Kunden zu arbeiten, die es respektieren, dass wir mehr Zeit für Prototypen brauchen – um letztendlich das richtige Ergebnis erzielen zu können. Farben sind total schwer, in Massenproduktion zu produzieren. Wir haben auch unsere eigenen Färber, die das Garn färben. Ja, es ist einfach toll mit einem Unternehmen wie HAY zu arbeiten und mit ihnen unsere Konzepte umzusetzen.

Ist Farbe etwas typisch Niederländisches?

Nein. Ich glaube, dass bizarre mit Farbe ist, dass… In der Musik, hast du Noten und dann kannst du dein Stück komponieren. Aber bei Farben gibt es nicht diese eine Grammatik. Also klar, es ist niederländisch im Sinne von Van Gogh zum Beispiel aber ich bin mir nicht sicher, ob Farben typisch niederländisch sind. Ich denke, es gibt nur ein paar, die wirklich an der Arbeit mit Farbe interessiert sind – wie Hella Jongerius.

Es ist also gut, euch zu haben – für Menschen, die Farben mögen, fasse ich mit einem Lächeln noch einmal zusammen.

So, nun eine andere Frage: Eure Produkte werden von HAY, Georg Jensen, Karimoku New Standard und anderen bekannten Labels vertrieben. Was verbindet euch mit ihnen und wie eng arbeitet ihr zusammen?

Wir arbeiten immer sehr eng zusammen. Wir denken, dass die DNA eines Herstellers wichtig ist. Wo kommen sie her, was ist ihre Geschichte, was ist die Geschichte ihres Landes? Dänemark zum Beispiel hat eine große Geschichte des klassischen Designs. Und HAY beispielsweise macht einen tollen Job, indem sie sich für demokratisches Design einsetzen. Zunächst haben sie ja vor allem Möbel gemacht, aber heute machen sie alles. Auf der anderen Seite ist es auch großartig, in Japan mit Karimoku New Standard und mit all ihren Möglichkeiten zu arbeiten, wie dem Holzdruck. Generell ist die Qualität in Japan sehr hoch und das lieben wir sehr. Wir arbeiten mit Herstellern in Arita, dem zentralen Ort der Porzellanherstellung in Japan. Und sie produzieren nun das Paper Porcelain für HAY. HAY hat beispielsweise versucht, in China zu produzieren, aber sie konnten es nicht wirklich machen. Also sind wir nun seit mittlerweile vier Jahren bei der Entwicklung. Es ist total schön, nun verschiedene Brands miteinander zu kombinieren. Und unser Wissen dieses Ortes zu nutzen. Für uns ist es spannend, mit kleineren Labeln zu arbeiten, die exklusiver sind, aber auch mit Unternehmen wie HAY, die eher auf Masse produzieren. Natürlich investieren wir in alle Jobs gleich viel Zeit und Energie, aber für HAY machen wir zum Beispiel auch die Verpackungen.

Karimoku - Colour Wood all colours Karimoku New Standard Sitzecke Der Karimoku New Standard - Colour Bin in grün

Du hast schon gesagt, dass ihr sehr viel reist. Habt ihr einen Lieblingsort oder fühlt ihr euch zu einer bestimmten Landschaft, Kultur oder Region besonders hingezogen?

Also wenn wir in Kopenhagen sind, dann fühlt es sich wie zu Hause an. Die Stadt hat einiges, das Amsterdam auch hat: viele Fahrräder, es ist nicht zu groß, es ist gemütlich, das Wetter ist auch wie hier. Und naja. Weil ich blond bin, fangen alle immer an, auf Dänisch mit mir zu sprechen.

Wir lachen beide.

Wir mögen es aber auch, nach Seoul zu reisen. All diese großen Gebäude, Berge und dann kommst du nach Hause und dann denkst du, „Oh, unser World Trade Center ist eigentlich ganz schön klein…“. Ja und wir lieben Japan, es ist wie ein zweites Zuhause für uns. Letztes Jahr waren wir außerdem viel in Amerika, dort haben wir mit Herman Miller an einem Sofa gearbeitet, und meine Schwester lebt in New York. Ach, wir mögen all diese Länder und Städte. Alle haben ihre ganz eigenen Besonderheiten. Es ist wirklich ein Privileg, so häufig zu reisen. Aber manchmal ist es auch schön zu Hause zu sein.

Verständlich.

Hast du ein Hobby oder woher nimmst du deine Energie?

Also unsere Arbeit ist wirklich das, was wir lieben. Es ist das, was uns Energie gibt. Und wir haben einen dreieinhalbjährigen Sohn. Er ist natürlich unser bestes Design aber mit seiner ganz eigenen Seele. Es ist so gut, ihn zu haben, auch für uns als Designer. Das verändert noch einmal unsere Perspektive. Durch ihn sehen wir mehr Details und sind nicht so in Eile. Wir sehen genauer hin, so wie Kinder es tun. Und das ist eine gute Balance zu all dem Reisen und dem Arbeiten. Und: Wir sind in unser neues Studio gezogen. Es ist in einem alten Gebäude von 1925 und es gibt einen wunderbaren Außenbereich. Wir haben de bekannten Landschaftsarchitekten Piet Oudolf gebeten unseren Garten anzulegen. Seine Gärten sind sehr poetisch mit Blumen, Bienen und Schmetterlingen. Unser Studio ist somit wie unser zweites Zuhause und es ist sehr wichtig, dass die Umgebung wirklich inspirierend ist. Wir haben auch einen kleinen Shop, SHOP/SHOP, Ruysdaelkade 2-4 in Amsterdam, – es ist der wahrscheinlich kleinste in Amsterdam.

Meine letzte Frage: Falls du eine Nachricht an die Welt formulieren könntest, wie würde diese lauten?

Was wir gerade wirklich brauchen, ist viel Liebe für unsere Mitmenschen und Respekt. Ich denke, wir sollten uns alle respektieren, mehr als wir es je getan haben.

Danke, liebe Carole, für das wunderbare Interview!

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